Islam kompakt: Das Verhältnis von Gott und Mensch

Gott – in seinem Wesen unergründlich, doch dem Menschen immer nah. Und der Mensch, in stetiger Mühe ihn zu begreifen, ringt um Seine Erkenntnis. Welche Eigenschaften und Attribute besitzt Gott? Wie ist das Wesen Gottes zu verstehen? Können wir Ihn uns überhaupt vorstellen? Über diese und weitere Fragen streiten und diskutieren Gelehrte in allen Religionen.

Enes Hasan studierte Islamwissenschaft, Ethik und Religionspädagogik in Zürich und veranstaltet unter den gegebenen Pandemiebedingungen einen Online-Vortrag zum Thema Gott und seinem Verhältnis zum Menschen.

Anmeldungen unter info@ruhrdialog.org oder 0151 / 70091234

Die Veranstaltung ist kostenfrei.

Datum: 19.03.2020
Zeit: 18:30 – 20:30 Uhr
Ort: Vielrespektzentrum, Rottstr. 24-26, 45127 Essen

Referent: Hasan Enes, Islamtheologe

 

Zusammenfassung

Enes Hasan leitet mit der Namensbezeichnung des Schöpfers ein, die im Arabischen mit dem spezifischen Eigennamen “Allah” besetzt ist, und nicht gleichbedeutend mit dem Gottesbegriff ist, da letzterer auch in anderen Kontexten außerhalb einer monotheistischen Vorstellung zur Verwendung kommt, so zum Beispiel in den Mythologien, in denen es mehrere Götter geben kann. Andererseits darf zum besseren Verständnis und im islamischen Sinne der Begriff Gott für Allah verwendet werden, so wie es in diesem Vortrag geschehen ist. (Übrigens verwenden auch arabisch-christliche Gläubige den Namen Allah.)

Im Koran wird Gott als Allerbarmer, Barmherziger und Schöpfer aller Dinge beschrieben. Ein aussagekräftiges Kapitel aus dem Koran stellt dabei Sure 112 Al-Ihlas dar, eine der bekanntesten Suren aus dem Koran:

„Sprich: Gott ist Einer, (1)
ein ewig reiner, (2)
hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner, (3)
und nicht ihm gleich ist einer. (4)“
(112, 1-4, poetische Übersetzung von Friedrich Rückert)

Die Propheten beschreiben Gott mit seiner Einzigartigkeit und seiner absoluten Anwesenheit. Alle Propheten vermittelten die übereinstimmende Botschaft des Jenseits, des unendlichen Lebens nach dem Tod, Gottes Gerechtigkeit, religiöse Pflichten und die ethische Verantwortung im irdischen Leben.

Bekannt in der islamischen Tradition sind Gottes schöne Namen, die oft mit 99 an der Zahl genannt werden. Es gibt aber unendlich viele Namen und Eigenschaften Gottes; Genannte sind nur die bekanntesten. Beispiele dieser ausgewählten Namen sind der Barmherzige (Ar-Rahman), der Allwissende (Al-Alim) sowie der Vergebende (Al-Afuw).

In der islamischen Lehre werden im Konsens folgende Attribute Gottes aufgezählt: (a) Essenzielle Attribute: Existenz, Anfangslosigkeit, Ewigkeit, Kontrast zu allem Erschaffenenen, Unabhängigkeit; (b) Positive Attribute: Leben, Wissen, Macht, Sprache, Wille, Gehör, Sehkraft, Schöpfung.

Der Mensch hingegen ist laut Koran die schönste Schöpfung Gottes, die jedoch in seiner Stellung vor Gott sowohl höher als ein Engel aufsteigen oder tiefer als der Teufel fallen kann. Diese Stellung hängt lediglich von den Taten des Menschen ab (95, 1-5). Der Mensch besteht aus einem vergänglichen Körper, einer ewigen Seele, einem Ego und wird durch gegenseitige Kräfte der Engel und Satane geprägt. Auch im Islam gibt es eine Schöpfungsgeschichte des Menschen ähnlich wie im alten Testament. Der Mensch wurde aus Ton erschaffen (15, 26) und ihm wurde ein Geist eingehaucht (15, 29). Gott forderte Iblis dazu auf, sich vor Adam niederzuwerfen. Aus Hochmut verweigerte er dies und nahm fortan seine Rolle als Teufel an (7, 11). Nach islamischer Auffassung begründen Adam und Eva das Menschengeschlecht, mit vielen Ähnlichkeiten zum christlichen Verständnis, jedoch mit dem Unterschied, dass die islamischen Auslegungen nie von einer Erbsünde des Menschen ausgehen. Da Gott der Vergebende ist, nahm er die Reue von Adam und Eva an (2, 37). Die Sündlosigkeit bei der Geburt des Menschen ist wichtig für das Grundverständnis im Islam.

Gott erschuf die Menschen und Dämonen, damit sie ihm dienen (51, 56). Jedoch steht dabei die Entscheidung dem Menschen frei, denn es gibt keinen Zwang im Glauben (2, 256). Die Stellung des Menschen wird durch seine Gerechtigkeit bestimmt, und nicht durch äußere Faktoren der Sprache, Herkunft, des Reichtums etc. (49, 13).

Scheinbar widersprüchliche Beschreibungen des Menschen finden sich im Koran:

“Wir haben den Menschen in bester Form erschaffen.” (95, 4)

“Der Mensch wurde schwach erschaffen.” (4, 28)

“Der Mensch wurde ungeduldig erschaffen.” (70, 19)

Das Wesen des Menschen wird als schön und unschuldig angenommen, jedoch ist er durch seine Veranlagung und die Prüfungssituation im irdischen Leben dazu geneigt, seinen Schwächen nachzugehen oder ungeduldig zu sein. Nur durch die Hinwendung zu Gott und durch Demut gegenüber seinem Schöpfer kann er auf die Barmherzigkeit Gottes vertrauen.

Im Christlichen gibt es das Verständnis des Ebenbilds Gottes im Menschen. In der islamischen Lehre geht man ähnlich von Manifestationen Gottes Namen und Eigenschaften im Diesseits aus. Jeder Teil der Schöpfung spiegelt eine Eigenschaft Gottes wider. So sind auch die im Menschen vorhandenen Veranlagungen der Liebe, der Barmherzigkeit und der Würde ein Resultat aus der Manifestation Gottes Namen. Aus diesem Grund ist die Würde eines jeden Menschen, unabhängig von der Religion, im islamischen Verständnis unantastbar. Jeder Mensch ist einmalig und wertvoll und eine Schöpfung des Herrn.

Wichtig für den Gläubigen ist, dass er Gott niemand anderen beigesellt und ihn als einzigen Gott annimmt (18, 110). Die Reflexion über Gott soll dazu führen, mit Glauben, Verstand und Gewissen den Sinn des Lebens zu entdecken. Die Propheten und die heiligen Schriften geben hierbei für den Gläubigen einen rechten Pfad an.

Die islamische Lehre ist traditionell sehr vielfältig und es gibt viele Richtungen und Schulen. Daher ist es immer wichtig, nicht von “dem Islam” zu sprechen, sondern auch auf Gelehrte oder Rechtsschulen zu verweisen. Die sufistische Tradition ist beispielsweise ein mystischer Weg, bei welchem die spirituelle Reise zu Gott im Vordergrund steht ist. Ein bedeutender Gelehrter dieses Weges ist Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī, der sagte:

“Es gibt genauso viele Wege zu Gott, wie die Anzahl des Atems aller Geschöpfe.”

Es gibt also laut dieser Auffassung nicht nur den einen Weg zu Gott, sondern viele unterschiedliche. Diese sufistische Sichtweise trug auch maßgeblich zum Toleranzverständnis gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen teil.

Man wird ein gläubiger Muslim durch das Glaubensbekenntnis (Glaube an Gott und den Propheten Mohammed). Dies ist der erste Pfeiler des Glaubens. Wenn man diesen ersten Grundsatz akzeptiert, so ist man auch zu den weiteren vier Pfeilern des Glaubens verpflichtet. Diese sind: das tägliche Gebet, die Almosen, das Fasten (wenn gesundheitlich möglich) und die Pilgerfahrt nach Mekka (wenn gesundheitlich und finanziell möglich). Falls der Mensch Sünden begeht, so steht ihm das wichtige Instrument der Reue und Vergebung (Tauba) zur Verfügung. So kann er sich wieder Gott zuwenden und sein Seelenheil schützen.