„Gottes Offenbarung in Menschenwort – Der Koran im Licht der Barmherzigkeit“

Lesung und Gespräch mit dem Autor Mouhanad Khorchide

Traditionell und doch modern: Aus der Verbindung der traditionellen islamischen Koranwissenschaft mit Methoden europäischer Geschichtswissenschaften entwirft Mouhanad Khorchide einen neuen Zugang zum Koran. Obwohl der Koran als geoffenbartes Gotteswort gilt, wird er zugleich als historisch gewordener Text verstanden. Dieses Aufeinandertreffen scheinbar sich widersprechender Methoden ist Thema des Eröffnungsbandes des HthKK (Herders theologischer Koran-Kommentar), in dem Mouhanad Khorchide neben dem aktuellen Forschungsstand den eigenen hermeneutischen Ansatz erarbeitet und sein eigenes methodisches Vorgehen beschreibt.
Kann die historisch-kritische Methode der Bibelexegese ohne Verstehensverluste auch auf den Koran angewendet werden? Im Spannungsfeld von historischer, literarischer und theologischer Auslegung erwächst ein bahnbrechendes Werk, das für Diskussion und Debatten sorgen wird.

 

Bildergebnis für khorchideMouhanad Khorchide
Prof. Dr., geb. 1971 in Beirut, aufgewachsen in Saudi-Arabien, studierte Islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien, wo er mit einer Studie über islamische Religionslehrer promovierte. Seit 2010 ist er Professor für Islamische Religionspädagogik und seit 2011 Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster.

Foto: Wissenschaftsjahr

 

 

Datum: Donnerstag, 22. März 2018

Zeit: Einlass 19 Uhr, Beginn 19:30 Uhr

Eintritt: 12,00 €

Vorverkauf und Veranstatlungsort: Medienforum des Bistums Essen, Zwölfling 14, 45127 Essen

Telefon: 0201 / 2204-274

Abendkasse: sofern nicht ausverkauft

In Kooperation mit:

  • Arbeitskreis Interreligiöser Dialog im Bistum Essen
  • Katholische Erwachsenen- und Familienbildung Essen
  • Medienforum Essen

 

Zusammenfassung

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide begann seinen Vortrag mit einem Problemaufriss über den Umgang der Muslime mit dem Koran, der eher juristisch und wörtlich aufgefasst, statt ästhetisch. Je nach Lesart entstehen unterschiedliche Interpretationen. Khorchides erste Prämisse ist, dass der Koran eine Ästhetik aufweist, die erst durch eine entsprechende Beschäftigung und Interpretation im historischen Kontext zum Vorschein kommt. Die zweite Prämisse ist, dass der Koran als Gottes Wort gleichzeitig eine Selbstoffenbarung Gottes ist. Der Koran zeigt in nahezu jeder Sure (Abschnitt des Koran) die Barmherzigkeit Gottes.

Für den Autor besteht ein großes Problem in muslimischen Gemeinschaften genau darin, dass der Koran als normativer Monolog Gottes aufgefasst wird. Dabei zeigt schon die Eröffnungssure des Koran, dass aus der Perspektive des Menschen heraus gesprochen bzw. gebetet wird:

Al-Fatiha (Die Eröffnung, Sure 1)

(1) Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. (2) (Aller) Lobpreis sei Gott, dem Herrn der Welten. (3) Dem Sich Erbarmenden, dem Barmherzigen. (4) Dem Herrscher am Tage des Gerichts. (5) Dir allein dienen wir, und Dich allein bitten wir um Hilfe. (6) Weise uns den geraden Pfad, (7) den Pfad derer, denen Du Gnade erwiesen hast, die nicht (Deinem) Zorn verfallen sind (nämlich Deiner Strafe und Verdammung), noch derjenigen, die irregehen.

(Der Koran, Ali Ünal, 2016)

Neben Gott kommen also der Mensch, aber auch Engel und der Teufel zu Wort. Der Koran ist demnach kein Monolog, sondern eine Plattform der Kommunikation.

Es gibt Muslime, die versuchen, den Koran wörtlich zu verstehen und zu leben. Hierzu zählen beispielsweise salafistische Lesarten. Dabei kann man an einem einfachen Beispiel gut erklären, dass der Koran nicht ohne weiteres wörtlich genommen werden kann, sondern weitergedacht werden muss. Khorchide: „Wenn ich meine achtjährige Tochter zum Lernen motivieren möchte, dann biete ich ihr eine Tafel Schokolade an. Falls sie eine gute Leistung erbringt, bekommt sie die Belohnung. Ich nutze hier eine einfache Motivationsform, da das Kind nicht in der Lage ist, alle Hintergründe, Probleme und die Zukunftsbedeutung des Lernens zu erkennen. Die Tochter versteht nicht die Notwendigkeit eines guten Schulabschlusses, um bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhalten, und so weiter. Wenn die Tochter nun älter wird, sich weiterbildet und im späteren Alter eine Doktorarbeit schreibt, dann wird sie es nicht um einer Tafel Schokolade Willen tun, sondern wird weitergedacht haben. Sie wird aus einer intrinsischen Motivation heraus lernen und arbeiten, weil eine Weiterentwicklung des kindlichen Denkens stattgefunden hat.“ Ebenso spricht Gott mit den Menschen und gibt ihnen im Koran Richtungen vor. Gott kommuniziert dabei (analog zur Lernmotivation beim Kind) entsprechend des damaligen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kontextes, lässt sich auf den Menschen ein. Dies schränkt natürlich die Kommunikation ein. Daher ist es wichtig, dass der Mensch im heutigen Zeitalter die Offenbarung weiterdenkt.

Wenn also der Mensch zur Offenbarungszeit des Koran (7. Jahrhundert) angesprochen wird, dann immer entsprechend der Kontexte. Als Beispiel nennt Khorchide die Transportmittel jener Zeit: Pferde und Maultiere.

An-Nahl (Die Biene, Sure 16)

(8) Und Pferde, Maultiere und Esel (hat Er für euch erschaffen), damit ihr auf ihnen reitet und zur Zierde; und erschafft Er gar manches, von dem ihr nichts wisst.

(Der Koran, Ali Ünal, 2016)

Würden Muslime, die den Koran wörtlich verstehen möchten, konsequent bleiben, so müssten sie heute auf motorisierte Transportmittel verzichten und stattdessen auf Pferden und Eseln reiten. Jedoch macht es für diese Koranstelle mehr Sinn, weiterzudenken und die relevante Botschaft herauszuziehen, nämlich dass man zeitgemäße Transportmittel nutzen soll. Gerade so, wie die Tochter im Beispiel der Lernmotivation nicht mehr für eine Tafel Schokolade lernt, muss der Mensch weiterdenken und seine eigene Lebenswirklichkeit berücksichtigen. Ein anderes Beispiel ist das problematisch wahrgenommene, komplexe Erbschaftsrecht im Islam, bei dem einem Sohn unter bestimmten Umständen das Doppelte zusteht wie einer Tochter.

An-Nisa (Die Frauen, Sure 4)

(11) Gott schreibt euch (über die Verteilung eures Erbes unter) euren Kindern vor: Der männliche (Erbe) soll so viel wie den Anteil von zwei weiblichen (Erben) erhalten. […]

(Der Koran, Ali Ünal, 2016)

Für Khorchide zeigt dieser Vers, ebenso wie die Mehrheit aller Verse, die Barmherzigkeit Gottes. Zwar scheint eine ungleiche Verteilung des Erbes eine Ungleichbehandlung der Frau darzustellen, jedoch bedeutete diese Regel für die Frau in der Offenbarungszeit eine Aufwertung, da es in der damaligen patriarchalisch geprägten Gesellschaft praktisch keine Rechte für Frauen gab. Als Richtung wird also eine Aufwertung der Frau vorgegeben. Für diese Einsicht muss man eine historisch-kritische Methode auf den Koran anwenden, überlegen, was Gott uns damit sagen möchte und letztlich dort nicht stehenbleiben, sondern für heutige Maßstäbe weiterdenken. Der Trend und die Richtungsweisung sind wichtig. Das letzte Wort gilt mit dem Koran als noch nicht gesprochen, so Khorchide.

Dabei ist Vorsicht geboten. Man darf nicht alles in den Koran hineinlesen, sondern darf die Botschaften immer nur mit dem roten Faden der Barmherzigkeit weiterdenken. Die Barmherzigkeit ist für den Autor der hermeneutische Schlüssel zum richtigen Koranverständnis. Die Barmherzigkeit nimmt in den islamischen Quellen und im Leben des Propheten Mohammad eine zentrale Rolle ein. Der Prophet selbst ist die Verkörperung der Barmherzigkeit:

Al-Anbiya (Die Propheten, Sure 21)

(107) Wir haben dich (o Muhammad) nur als unvergleichliche Barmherzigkeit für alle Welten entsandt.

(Der Koran, Ali Ünal, 2016)

Selbst die sog. „Gewaltverse“ des Koran sind für Khorchide Ausdruck der Barmherzigkeit. Sie müssen im historischen und textuellen Kontext verstanden werden. Zwar fordert der Vers 191 zu einer gewaltsamen Verteidigung auf:

Al-Baqara (Das Vieh, Sure 2)

(191) (Während des Kampfes) tötet sie, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben. (Obwohl das Töten etwas ist, das euch mit Widerwillen erfüllt) ist Unordnung schlimmer als Totschlag. Doch kämpft nicht gegen sie bei der Heiligen Moschee, bis sie euch (dort) bekämpfen. Wenn sie aber gegen euch (dort) kämpfen, dann tötet sie. Solcherart ist die Vergeltung für die (aufrührerischen) Ungläubigen.

(Der Koran, Ali Ünal, 2016)

Dennoch relativieren die vorherigen und nachfolgenden Textstellen diese Aufforderung und zeigen Grenzen auf:

Al-Baqara (Das Vieh, Sure 2)

(190) Und kämpft auf dem Pfad Gottes (um seinen Namen zu preisen) gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, doch übertretet nicht (das Maß, das Gott festgesetzt hat), denn wahrlich, Gott liebt nicht diejenigen, die (das Maß) übertreten. […] (192) Wenn sie aber aufhören (zu kämpfen), dann ist Gott wahrlich verzeihend, barmherzig.

(Der Koran, Ali Ünal, 2016)

Im Vordergrund steht also die Verteidigung gegen jene, „die gegen euch kämpfen“. Es ist eine Aufforderung, das eigene Leben zu schützen. Falls die Gegner von ihrem Kampf ablassen, so erinnert der Koran an die Vergebung und Barmherzigkeit Gottes. Diese Barmherzigkeit lässt sich aus der Betrachtung des textuellen Kontextes herauslesen. Ob eine gewaltsame Verteidigung das richtige Mittel war oder heute noch ist, ist eine andere Frage, über die man streiten kann. Dies ändert nichts an dem Ausdruck von Barmherzigkeit in diesen Versen.

 

Fazit
Der Koran ist kein Monolog, sondern ist und bleibt eine offene Kommunikation. Das letzte Wort ist im Koran noch nicht gesprochen. Aufgabe der Muslime ist es, diese Kommunikation weiterzudenken und weiterzuführen. Es steht also ein normativ-wörtliches Verständnis des Korans dem offenen Verständnis gegenüber. Letzteres ermöglicht ein Fortschreiben und Fortdenken der koranischen Botschaften mit dem roten Faden der Barmherzigkeit und letztlich eine Übertragung in unsere Zeit und Gesellschaft.

 

Hinweis
Dieser Text fasst den Vortrag von Prof. Dr. Mouhanad Khorchide vom 22.03.2018 im Medienforum Essen zusammen. Es besteht keine Gewähr auf Vollständigkeit. Die Neuerscheinung „Gottes Offenbarung in Menschenwort“ (2018) ist beim Herder Verlag zu erwerben.

Die Auslegung der Koranverse ist und bleibt ein ständiges Diskussionsthema unter islamischen Gelehrten. Der Deutschlandfunk fasst die Kritik an Khorchides Auslegung in einem Beitrag aus dem Jahr 2013 kurz zusammen.