Wirtschaft und Religion: Welche Rolle spielt der eigene christliche oder muslimische Glaube bei unternehmerischer Verantwortung?

In der Wirtschaft spielen nicht nur Aufsichtsräte und Großkonzerne eine Rolle, sondern vielfach auch mittelständische Unternehmen, deren Leitung direkt Entscheidungen über die Art des Wirtschaftens treffen kann. Was wird produziert? Zu welchen Arbeitsbedingungen? Für wen wird produziert? An diesem Abend wollen wir darüber ins Gespräch kommen, wie der eigene Glaube Unternehmer in ihrem Handeln beeinflusst. Unternehmensethik umfasst viele Facetten, in denen auch der persönliche Glaube eine Rolle spielt. Werden Entscheidungsabläufe auch aus dem Glauben heraus vollzogen? Wo sind Grenzen eines Einflusses des eigenen Glaubens auf das Wirtschaften festzustellen? Können wir Unterschiede oder Übereinstimmungen zwischen einer christlich und einer islamisch geprägten Herangehensweise ausmachen?

Diesen Fragen wollen wir nachgehen. Dabei stehen uns mit Eingangsimpulsen und zum Gespräch zur Verfügung: Andreas L. Noé, Geschäftsführender Gesellschafter der Firma BWG GmbH in Duisburg und Ismail Aktitiz, Geschäftsführer Enka Food in Bochum.

Termin:
Donnerstag, den 29. September 2016, 19.00 Uhr

Anmeldung per E-Mail unter info@ruhrdialog.org oder telefonisch unter (0203) 295 132 30.

Die Veranstaltung ist kostenfrei.

Veranstaltungsort:
Evangelisches Gemeindehaus am Marientor
Josef-Kiefer-Straße 6
47051 Duisburg

Veranstalter:
Dialogreferat des Evangelischen Kirchenkreises Duisburg
Ruhrdialog e.V. Essen

 

Zusammenfassung

Am 29. September 2016 kamen Gäste muslimischen und christlichen Glaubens im Evangelischen Gemeindehaus am Marientor in Duisburg zusammen, um gemeinsam mit den Referenten über die Bedeutung religiöser und ethischer Prinzipien im unternehmerischen Handeln zu diskutieren. Dabei wurde der Schwerpunkt auf die jeweilige konkrete Unternehmenspraxis der beiden Geschäftsführer gelegt; sie legten dar, wie ihr persönlicher Glaube ihr Wirtschaften beeinflusst.

 

Vorstellung der Referenten

Dr. Andreas L. Noé ist Mitglied im Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (AEU) und Geschäftsführer der BWG Bergwerk- und Walzwerk-Maschinenbau GmbH. Das Unternehmen übernahm er von seinem Vater, der es zur Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet hatte. Noé studierte u.a. evangelische Theologie und leitete zeitweise Niederlassungen in den USA.

Ismail Aktitiz ist Geschäftsführer von Enka Food in Bochum. Sein Unternehmen produziert Lebensmittel und beliefert die Lebensmittelindustrie, die Gastronomie und Bäckereien. Aktitiz ist Kind einer türkischen Einwandererfamilie. Er lebt und arbeitet schon sein ganzes Leben im Ruhrgebiet.

 

Noé: „Die Arbeitgeberposition ist eine Gabe, die ich zum Guten nutzen möchte.“

Andreas L. Noé versteht sich als Theist, der an einen transzendenten Schöpfer glaubt. Eine wichtige Säule seines Glaubens ist das Verständnis der Schöpfungsgeschichte als Auftrag Gottes an die Menschen, die Welt zu erhalten und sie zu bebauen. Noé setzt sich aus diesem Gedanken heraus für einen Fortschritt ein und nicht für die Erhaltung des Status Quo. Im Christentum sieht er eine Aufforderung zum Handeln.

Noé spricht von einer doppelten Liebe: Jesus fordert, nicht nur Freunde zu lieben, sondern auch die Feinde. Er glaubt an die Freiheit des Menschen, und nicht, dass alles schon vorherbestimmt ist. Er lehnt somit eine doppelte Prädestination ab, sowie die Fokussierung auf Schuld und Sünde im Glauben.

Noé glaubt, dass seine Arbeitgeberposition eine Gabe ist, die zum Guten genutzt werden soll. Eine gute Tat ist demnach auch, dass er Arbeitsplätze schafft und seine Verantwortung gegenüber  seinen Mitarbeitern und seiner Familie wahrnimmt. Das Christentum dient ihm dabei als „Leitplanke“ für seine Arbeit.

In der Realität sieht er sich einem ständigen Druck durch die Politik und insbesondere durch die ausländische Konkurrenz ausgesetzt. Als mittelständisches Unternehmen ist es für ihn nicht leicht, in der globalisierten Welt zu überleben. In der globalen Wirtschaft sind die Konkurrenten oft um ein Vielfaches größer. Noé nimmt wahr, dass der Trend für mehr Profit und Vernichtungsbestrebungen von Konkurrenten stetig zunehmen. Die Leitlinien für sein unternehmerische Handeln hat Andreas Noé gemeinsam mit seinen christlichen und muslimischen Mitarbeitern verfasst.

 

Aktitiz: „Der Gedanke an die Rechenschaft vor Gott dient mir als Ermahnung zur Aufrichtigkeit.“

Ismail Aktitiz bekennt sich zu einem sunnitisch geprägten Islam. Er bezeichnet sich selbst als der hanafitischen Rechtsschule zugehörig, einer der vier Rechtsschulen der Sunniten. Die Menschheit stammt von Adam und Eva ab. Auch die Propheten werden von Aktitiz als Menschn angesehen, die als Rechtleitende dienen und die die Menschen an Gott erinnern. Für Aktitiz spielen der Glaube und die Orientierung an den Offenbarungen und Propheten in seinem Privatleben sowie in der Arbeit eine große Rolle.

Jeden Tag steht Aktitiz vor neuen Entscheidungen, bei denen der Glaube an Gott wegweisend ist. Der Glaube an einen Schöpfer, der allwissend ist, der alles hört, sieht und aufzeichnet, lenkt sein unternehmerisches Handeln. Der Gedanke an die Rechenschaft vor Gott am Tag des Jüngsten Gerichts dient ihm als stetige Ermahnung und Aufforderung zur Aufrichtigkeit.

Aktitiz sieht sich mit seiner Firma zunächst den deutschen Gesetzen verpflichtet. Jedoch gibt es in seiner Arbeit viele Gesetzeslücken, die man zum eigenen Profit ausnutzen kann. Die Gesetze decken also nicht alles ab; außerhalb dieser Gesetze kommt für ihn die Religion ins Spiel.

 

Diskussion

Im Anschluss an die Impulsreferate fand eine angeregte Diskussion mit den Gästen statt. Auf die Frage, wie die Unternehmer mit den erwähnten „harten Bandagen“ der globalen Wirtschaft umgingen, sagte Noé deutlich, dass die Leitlinien des Unternehmens, die deutschen Gesetze sowie religiöse Prinzipien wichtig seien. Die Profitmaximierung steht für ihn nicht an vorderster Stelle. Sein Unternehmen BWG lässt auch im Ausland produzieren. Dabei gilt für sie beispielsweise das Leben eines Inders nicht weniger als das Leben eines Deutschen. Deswegen gelten für alle Mitarbeiter der BWG dieselben Sicherheitsvorkehrungen, auch wenn diese hohen Standards im Ausland teilweise nicht verlangt werden. Was für Noé christliche Werte sind, beantwortet er zunächst damit, dass der Wertebegriff vielfach abgedroschen sei. Die Überzeugung, dass alle Menschen Geschöpfe Gottes sind und dass es die Aufgabe der Menschen ist, die Welt zum Positiven zu verändern, lenkt ihn stark in seinem Handeln.

Als Einschub wurde durch einen Gast eingeworfen, dass man in der Wertediskussion auch christliche und westliche Werte voneinander unterscheiden muss. Denn die christlichen Werte basieren auf Liebe. Das Problem des sog. Westens, bzw. der gesamten Welt ist die zunehmende Gier nach immer mehr, was nicht mit christlichen (und muslimischen) Werten vereinbar ist. Dieses ethische Dilemma sei nur zu lösen, wenn man die langfristigen Konsequenzen des eigenen Handelns abwäge.

Für Ismail Aktitiz spielen die muslimischen Werte eine große Rolle. Als Beispiel führt er die Verwendung von Gylkosesirup bei der Honigproduktion auf. Bei der Etikettierung sei es früher nicht notwendig gewesen, im Produkt enthaltenes Glykosesirup deutlich zu kennzeichnen. Aktitiz verzichtete in seinem Unternehmen von Beginn an auf diese Täuschungsstrategie und nahm dadurch Einbußen im Profit in Kauf, um die Aufrichtigkeit gegenüber seinen Kunden zu gewährleisten. Aktitiz sagt: „Für mich ist ein rein profitorientiertes Wirtschaften verwerflich.“ Noé stimmt ihm hierbei zu. Die Religion darf für Aktitiz nicht als „wenn-dann Programm“ aufgefasst werden, sondern kann mit einem Grundgesetz verglichen werden. Es geht um generelle Ansätze und Richtlinien.

Beide Referenten kommen zu dem Konsens, dass das wirtschaftliche Überleben in einer globalisierten Welt schwieriger ist als je zuvor. Zu den Schwierigkeiten gehört auch, dass eine lückenlose Kontrolle aller Produktionsschritte im Ausland oft sehr schwierig ist und beispielsweise wenig Einflussmöglichkeit auf die Löhne ausländischer Arbeiter besteht. Man könne als Individuum und kleines Unternehmen nicht die Welt verändern, so die Geschäftsführer, jedoch könne man eine Richtung vorgeben, die auf religiösen und ethischen Prinzipien beruht.